INTERNSHIP BEI JEFF SANDERS

Juli 11, 2018 annshorsemanship No comments exist

Vor einiger Zeit erschien in der HORSEMAN Zeitschrift ein Artikel über meine Zeit bei Jeff Sanders in Nevada – hier findet ihr nun den kompletten Artikel zum Lesen. Weitere Artikel in der HORSEMAN werden folgen 😉

 

Daywork mit Jeff Sanders

Um 3.30 Uhr klingelt der Wecker. Langsam schäle ich mich aus meinem Bett und mache das Licht an. In der Nacht haben die Koyoten wieder geheult, aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Noch ist es dunkel. Ich ziehe mich schnell an und mache mir eine Schüssel Haferbrei um den Tag zu überstehen. Mein Wohnwagen steht direkt neben dem Hühnerstall und der Kuhherde des Nachbarn. Doch um diese Uhrzeit ist von beiden noch nichts zu hören.

Ich gehe nach draussen um die Pferde fertig zu machen. Ich hole Simon und Dex aus ihren Paddocks und beginne sie zu putzen. Simon ist ein junger Azteca Wallach, der noch nicht allzu lange unter dem Sattel und nicht immer einfach ist. Jeff hat sich vorgenommen, ihn heute zum ersten Mal auf die Ranch mitzunehmen. Dex ist ein großer Paintwallach mit ca 1,60m Stockmaß. Er ist ein erfahreneres Reitpferd, allerdings nur selten außerhalb des alltäglichen Areals unterwegs und dann angeblich sehr aufgeregt. Ich kenne ihn erst seit ein paar Wochen und in denen kam ich mit ihm immer gut zurecht. Deshalb mache ich mir keine Gedanken. Nachdem ich beide geputzt habe gehe ich in die Sattelkammer und hole die Sättel. Ich werde einen Sattel der McGowan Saddlery reiten, den ich auch schon in den Wochen davor viel geritten bin. An diesem Sattel und auch an Jeffs Sattel sind Tapaderos angebracht – sie sollen den Fuß schützen und bei der Arbeit mit dem Rind helfen. An dem Sattel von Jeffs jungem Pferd befestigen wir außerdem einen Quirt – keiner weiß, ob wir den im Laufe des Tages nicht doch einmal gebrauchen können. Simon ist schließlich zum ersten Mal auf so einem Trip mit dabei. Auch Hobbles und das Ranch Rope gehören zur Ausrüstung.

 

Um 4.30 Uhr laden wir die Pferde in den Trailer. Die Pferde steigen ohne Probleme ein und wir fahren 30 Minuten zu Jeffs Stiefvater Joe. Dort angekommen laden wir unsere Pferde in seinen Trailer, damit wir nicht mit zwei Autos fahren müssen. Von dort aus fahren wir noch 1 ½ Stunden bis zur Ranch. In den Tagen vor unserem Ausflug gab es in Kalifornien einen großen Waldbrand. Der Rauch zog dabei bis zu uns nach Nevada, so dass wir in den letzten Tagen kaum reiten konnten, weil der Rauch wie dicker Nebel in der Luft hing und das Atmen schwer machte. Jetzt aber, als langsam die Sonne aufgeht und wir höher in die Berge kommen, wird die Luft klar und der Himmel wieder blau. Erst fahren wir auf größeren Straßen an der Wüste entlang, aber schon bald biegen wir in die Dirt Roads ein und verlieren uns in der Landschaft. Einige Meter vor uns überquert ein Koyote die Fahrbahn. Ich sitze hinten und kann nur noch erkennen wie er davon huscht.

An der Ranch angekommen warten wir auf den Rest der Crew. Als alle da sind, wird kurz die Vorgehensweise besprochen. Wir sollen in die Berge reiten und die ca. 150 Kühe einsammeln, die sich dort aufhalten. Da die Ranch 70 mal 70 Meilen groß ist hat Joe sie zuvor mit dem Flugzeug überflogen und die Kühe lokalisiert. So haben wir eine vage Idee wo sie sich jetzt aufhalten müssten. Die Herde soll in das Tal getrieben werden, denn in den Bergen, in denen sich die Kühe momentan aufhalten, gibt es zu wenig Nahrung für sie. Wir laden unsere Pferde aus und reiten los. Mein Pferd ist etwas aufgeregt und piaffiert eher durch die Landschaft als Schritt zu gehen. Ich versuche mich zu entspannen und hoffe, dass meine Ruhe sich auf ihn überträgt. Wir reiten 1 ½ h leicht bergauf. Teilweise ist ein Weg zu erkennen, aber da ich mich hier nicht auskenne folge ich den anderen einfach. Wir sind zu sechst. Dabei sind der Ranchbesitzer und eine Ranchhand, ein Nachbar, Joe, Jeff und ich. „Wieder einmal die einzige Frau“ denke ich mir. Aber ich mache mir nichts daraus, schließlich ist dies eine einmalige Möglichkeit richtig auf einer Ranch zu arbeiten und mitzuhelfen. Wir reiten weiter bis wir zu einem kleinen Tal kommen. Dort besprechen wir noch einmal in welche Richtungen wir uns aufteilen um die Kühe zu suchen. Ich reite mit Jeff und Joe mit. Aus der Ferne sehen wir einige Kühe und reiten langsam darauf zu. Wir teilen uns auf und umkreisen langsam den Hügel auf dem sie stehen um sie dann von hinten in das Tal zu treiben. Joe und ich klettern mit unseren Pferden einen Berg hinauf um zu schauen ob sich dahinter Kühe aufhalten. Die Landschaft ist sandig und staubig, aber der Geruch von Salbei ist allgegenwärtig. Wir kommen oben an und vor uns tut sich ein Blick auf, der im starken Kontrast zum Dunst der letzten Tage steht.

 

In der Ferne sieht man die Spitzen der Berge, die sich vor uns auftun. Bewuchs findet man hier oben nur wenig. Meist sind es kleinere Nadelbäume, die kaum mehr als Büsche sind. Ich mache ein paar Fotos und reiße mich von dem Anblick los. Wir treiben die Kühe, die wir finden konnten in das kleine Tal und treffen dort auf die anderen, die auch einige Kühe mitbringen. Ein paar Mal müssen wir noch losziehen um ein paar Nachzügler aufzulesen. Mein Pferd ist immer noch sehr angespannt und steigert sich teilweise sehr in seine Emotionen hinein. Er beginnt zu Steigen. Zum Glück nicht sehr hoch, aber immer häufiger beginnt er wie verrückt rückwärts zu rennen und das kann gefährlich werden. In diesem Teil der Wüste leben sehr viele Dachse, die breit angelegte Gänge graben. Kommt man mit seinem Pferd unkontrolliert vom Weg ab und tritt es in solch einen Gang, kann es schonmal passieren, dass Pferd und Reiter am Boden liegen. Jeff sagt mir, dass ich auch absteigen kann, wenn es mir zu wild wird. Er gibt mir seinen Quirt, damit ich Dex vorwärts treiben kann wenn der beginnt rückwärts zu rennen. Das hilft etwas. Er steigt noch ein paar Mal, aber dann haben wir die Sache geklärt. Entspannt ist er immer noch nicht. Dafür wird er wohl zu selten zu solchen Jobs mitgenommen. Aber ich mache das Beste daraus. Dann treten wir unsere Reise in das Tal der Ranch an. Die Herde lässt sich nur langsam voran treiben und es wird immer staubiger. Joe bittet Jeff und mich in die Mitte der Herde zu reiten und sie von dort voran zu treiben, damit die Herde etwas flüssiger vorwärts läuft. Wir umreiten die restliche Herde und versuchen zur Mitte vorzudringen. Von dort schieben wir die Kühe Richtung Tal. Rechts und links finden sich immer mal ein paar Ausreißer, zu denen wir unsere Pferde lenken um sie mit der Herde mitzutreiben und nicht zu verlieren. Ein paar Hügel entfernt sieht Jeff eine kleine Herde, die sich von den anderen abgesetzt hat. Er sagt mir, dass er die nur mal kurz zur großen Herde zurück treibt und ich die anderen Kühe einfach weiter in das Tal treiben soll. Jeff entfernt sich und ich höre ihn leise pfeifen, während er die Kühe einsammelt. Das Pfeifen wir immer leiser, dann bin ich alleine. Alleine mit 75 Kühen und meinem Pferd.

 

 

Als Jeff sich von uns entfernt, ist mein Pferd wieder aufgeregt. Es beginnt zu tänzeln und zu wiehern. Da ich jetzt alleine klar kommen muss, gebe ich ihm einen Job. Ich reite von links nach rechts und wieder zurück und versuche nun alleine die Kühe in das Tal zu treiben. Die Kühe scheinen den Weg zum Glück zu kennen, denn ich habe keine Ahnung wo wir hin müssen. Tendenziell ja wohl bergab denke ich mir und folge ihnen. Die Kühe kennen allerdings scheinbar nicht nur den Weg, sondern auch die Abkürzungen. Immer wieder weichen sie vom Weg ab und schlagen sich durchs Unterholz. Zum Glück ist der Bewuchs ja bis auf einige Nadelbäume nicht so dicht, also reite ich hinterher. Dex hat sich mittlerweile beruhigt und erledigt seinen Job. Die Bäume sind niedrig und ich bin froh, dass ich Chaps trage und Tapaderos an meinem Sattel habe. Allerdings trage ich aufgrund der warmen Temperaturen nur ein Hemd ohne Weste darüber. Als ich unter einem weiteren Baum hindurch reite, bohrt sich ein Ast in meine Seite. Es fühlt sich an, als hätte er mir das Hemd zerissen, aber als ich nach unten schaue ist alles noch ganz. Nur einen blauen Striemen wird das geben, aber das ist ja halb so wild. Zwischendurch kommt mir mal wieder der Gedanke „Was macht eigentlich Jeff? Wollte der nicht wieder zurück kommen?“. Mein Handy hat natürlich hier keinen Empfang und ich tröste mich mit dem Gedanken, dass sie ja irgendwann an mir vorbei reiten müssten, sollte ich vom Pferd fallen und hier irgendwo am Boden liegen. Aber natürlich versuche ich das zu vermeiden und treibe gewissenhaft meine Kühe voran. Ich komme an ein Wasserloch und lasse mein Pferd kurz trinken. Als ich nach meiner Wasserflasche greifen will, die ich in meiner Jacke eingewickelt und am Sattel befestigt hatte, stelle ich fest dass ich sie verloren habe. Nun gut, dann gibt es wohl erstmal kein Wasser für mich. Immerhin ist es hier in den Bergen nicht ganz so heiß und wir haben nur ca. 30 Grad Celsius. Dort wo wir heute morgen aufgebrochen sind hat es jetzt bestimmt 45 Grad.

Nachdem ich 2 ½ Stunden alleine geritten bin und mein Pferd seinen Job fast schon von alleine erledigt, erblicke ich in der Ferne das Ranchhaus. Ich bin sehr froh und ziemlich durstig, also treibe ich die Herde noch etwas voran und reite auf die Frau zu, die aus dem Haus tritt. Sie begrüßt mich und sagt: „Oh, ihr seid schon zurück? Das ist ja super!“ Dann blickt sie sich um und meint „Wo ist denn dein Cowboy?“ Ich schaue sie an und sage: „Den hab ich auf dem Weg verloren.“ Sie stutzt kurz und fragt überrascht: „Die Kühe hast du alle alleine hierher gebracht? Warte, dann helfe ich dir mal mit dem Quad, dann treiben wir sie erstmal in die Weide dort hinten. Möchtest du vorher noch etwas trinken?“ Scheinbar sieht man es mir an, dass ich Durst habe, denn sie holt mir sofort eine kalte Flasche Wasser. Dann holt sie ihr Quad und hilft mir dabei, die Kühe in die Weide zu treiben. Wir unterhalten uns ein wenig und warten auf die anderen. Etwa eine halbe Stunde später kommen die 5 restlichen Crewmitglieder, darunter Jeff, mit der anderen Hälfte der Kühe an. Jeff winkt mir von weitem zu und als er näher kommt meint er nur: „Na, dachtest du wir hätten dich vergessen?“ und grinst.

 

Dieser Tag wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Ich habe viel über mich gelernt und weiss jetzt, dass, nachdem man 8 ½ Stunden im Sattel sitzt, sich die Kühe quasi von alleine treiben. Wenn ich die Chance hätte noch einmal auf so einer Ranch zu arbeiten würde ich es sofort tun. Ich muss jedoch auch zugeben, dass ich froh bin, nicht in der Lage zu sein, jeden Tag solch einen harten Job mit meinen Pferden verrichten zu müssen. Ich bin sehr froh, dass ich die Chance hatte, einige Zeit bei Jeff Sanders als Working Student verbringen zu können. Ich habe viel gelernt und hatte die Möglichkeit viel zu reisen, unter anderem nach Kalifornien, aber auch nach Elko und nach Utah zum Buckaroo Gathering. Und ich freue mich jedes Mal wieder, wenn ich die Chance habe, mit Jeff zusammen zu reiten und zu ropen, was wir regelmäßig machen.

Nächste Woche ist Jeff wieder für einen Rinderkurs in Waldbrunn, den ich organisiert habe. Solltet ihr jetzt Lust bekommen haben zuzuschauen oder auch noch mitzureiten, meldet euch gerne bei mir!

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